Die Eis­kö­ni­gin 2

Die Eis­kö­ni­gin 2

Vom nicht ganz end­gül­ti­gen Befrei­ungs­schlag

von Bet­tina Petrik

Über all der Auf­re­gung zum neuen Strea­ming-Ser­vice Dis­ney+ könnte fast in Ver­ges­sen­heit gera­ten, dass der Maus-Riese in die­sem Monat auch mit einem neuen Kino­film an den Start geht, und zwar nicht mit irgend­ei­nem, son­dern mit der Fort­set­zung zu einem sei­ner erfolg­reichs­ten Strei­fen aller Zei­ten. Könnte es, wenn man nicht bereits jetzt von der aggres­si­ven Mar­ke­ting-Maschi­ne­rie auf sämt­li­chen Kanä­len, ange­fan­gen vom Ein­zel­spot im Haupt­abend­pro­gramm bis hin zum Joghurt und den Kopf­kis­sen im Lebens­mit­tel­la­den, erschla­gen wer­den würde. An die­ser Stelle kann die Rezen­sen­tin im Geist bereits die ent­setz­ten Stim­men der Eltern unter den Lesern des Corona Maga­zine ver­neh­men, die am drin­gends­ten über die­sen aktu­el­len Film ver­mut­lich nur eines wis­sen wol­len: Wer­den sie nun jah­re­lang von dem nächs­ten zwar unbe­streit­bar schö­nen aber nach der zwei­hun­derts­ten Dau­er­be­schal­lung durch Spiel­zeug und Block­flöte doch sehr anstren­gen­den Welt­hit à la Let It Go/Lass jetzt los gequält wer­den?

Zumin­dest in die­ser Hin­sicht kann die Redak­tion nach dem Besuch der Pres­se­vor­füh­rung den geneig­ten Leser beru­hi­gen. Die Eis­kö­ni­gin 2 macht zwar vie­les rich­tig und ist durch­aus ein ordent­li­ches Sequel – vor allem im Ver­gleich zu frü­he­ren, oft eher desas­trös vom Publi­kum ange­nom­me­nen Fort­set­zun­gen wie Ari­elle, die Meer­jung­frau 2 –, aber vom Sound­track ist nach dem Kino­be­such kaum etwas im Ohr geblie­ben. Die­ses Weih­nach­ten muss man also wohl doch nur wei­ter mit der Dau­er­fol­ter durch Wham! und Mariah Carey leben. Mag der eine oder andere davon ent­täuscht sein: Es wäre einem Sech­ser im Lotto gleich­ge­kom­men, wenn gleich zwei­mal in Folge ein Fran­chise so einen ein­gän­gi­gen Super­hit her­vor­ge­bracht hätte.

Große Erwar­tun­gen – ab hier gibt es Spoi­ler zu lesen!

Und die Hoff­nung auf noch mehr Musik zum Mit­träl­lern war bei wei­tem nicht die Ein­zige, die Fans von Die Eis­kö­ni­gin – Völ­lig unver­fro­ren in die Fort­set­zung gesetzt haben. Wäh­rend das ganz junge Publi­kum vor allem sei­nen Schnee­mann Olaf natür­lich sehr liebt, sind für Mäd­chen und auch viele Jungs die bei­den Schwes­tern Anna und Elsa die typi­schen Dis­ney-Hel­din­nen. Dane­ben gibt es die erwach­se­nen Fans, die im ers­ten Teil toll fan­den, dass zur Abwechs­lung ein­mal zuguns­ten einer Fami­li­en­ge­schichte die obli­ga­to­ri­sche Lie­bes­ge­schichte sehr in den Hin­ter­grund rückte. Und dass Elsas Pro­bleme durch­aus als ein Sinn­bild für den Umgang mit men­ta­len Krank­hei­ten ste­hen, wie auch die Macher schon öfter bestä­tigt haben.

Für eine Gruppe sehr akti­ver Online-Fans steht die Köni­gin von dem im skan­di­na­vi­schen Nor­den ange­sie­del­ten Aren­delle aller­dings auch noch für etwas ande­res. Unter dem Hash­tag #GiveEl­saA­Girl­fri­end wird seit Jah­ren in den sozia­len Medien ver­kün­det, dass es höchste Zeit ist, eine der LGBT-Com­mu­nity zuge­hö­rige Dis­ney-Hel­din auf die große Lein­wand zu brin­gen. Let It Go wird von vie­len als Com­ing-Out-Hymne inter­pre­tiert. Bis­her feh­lende roman­ti­sche Sehn­süchte der Figur tun ihr übri­ges zur ganz eige­nen Deu­tung der Fans. Autorin und Co-Regis­seu­rin Jen­ni­fer Lee äußerte sich zwar grund­sätz­lich offen aber stets bedeckt und unterm Strich nichts­sa­gend zu die­ser Bewe­gung; trotz­dem hoff­ten die Fans wei­ter; viele schei­nen, wenn man den Online-Dis­kus­sio­nen folgt, in Bezug auf die­sen Film an gar nichts ande­rem als an Elsas Lie­bes­le­ben inter­es­siert zu sein.

Darum beant­wor­tet die Redak­tion diese Frage an die­ser Stelle ganz hilf­reich schon mal mit einem gepfleg­ten: viel­leicht. Wel­che roman­ti­schen Nei­gun­gen die Prot­ago­nis­tin auch immer ver­spü­ren mag, auch Die Eis­kö­ni­gin 2 ver­rät es nicht. So viel Pro­gres­si­vi­tät darf man einem Welt-Kon­zern wie Dis­ney, der nun mal auch immer die kon­ser­va­ti­ven Märkte im Auge hat, wohl im Jahr 2019 immer noch nicht zutrauen.

Nun, wer weiß, was eine even­tu­elle Fort­set­zung brin­gen mag.

Noch eine Art von Vor­schuss­lor­bee­ren hatte sich der Film anhand der Trai­ler ver­dient. Nach der über­wäl­ti­gen­den CGI-Optik von Dis­neys letz­ten Wer­ken – vor allem Vaiana ist ein Rea­lis­mus-Feu­er­werk, wie man es vor­her nie gese­hen hatte – war man natür­lich auch gespannt, ob sich der Detail­reich­tum und die groß­ar­ti­gen Effekte schon in den Teasern zu Die Eis­kö­ni­gin 2 auch im fer­ti­gen Pro­dukt fin­den wür­den.

Auch dazu fällt das Urteil der Rezen­sen­tin ein wenig ver­hal­te­ner aus. Den glei­chen Ein­druck wie bei dem emo­tio­na­len poly­ne­si­schen Mee­res­aben­teuer vor ein paar Jah­ren hatte sie bei Die Eis­kö­ni­gin 2 nicht, das mag aber durch­aus dem dies­mal anders gestal­te­ten Haupt­ele­ment, der völ­lig ande­ren Umge­bung geschul­det sein. Nega­tiv auf­ge­fal­len ist in der trotz­dem sehr plas­ti­schen Dar­stel­lung und der leb­haf­ten Mimik der mensch­li­chen Figu­ren im Film jeden­falls nichts, er hat eben nur nicht boden­lo­ses Stau­nen und über­wäl­tigte Rüh­rung aus­ge­löst.

Und im Grunde lässt sich diese letzte Ein­schät­zung auf den gan­zen Film über­tra­gen.

Erwach­sen gewor­den

Die Prot­ago­nis­ten in Die Eis­kö­ni­gin 2 sind mit ihren Fans groß gewor­den. Vor allem der im ers­ten Teil noch sehr unrei­fen Anna merkt man ihren Ent­wick­lungs­sprung an. Immer noch ist sie die ver­nünf­ti­gere, das erdende Glied neben ihrer oft so impul­si­ven, emo­tio­na­len Schwes­ter, sie weiß vor allem aber auch, Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men und macht zum Fil­mende hin noch ein­mal einen gro­ßen Schritt, indem sie lernt, dass sie ihre Schwes­ter nicht immer und über­all beschüt­zen kann, son­dern dass es manch­mal wich­ti­gere Auf­ga­ben für sie gibt. In die­sem Film ist es Anna, die los­las­sen ler­nen muss.

Eis­mann Olaf hat gar das Lesen für sich ent­deckt und unter­hält den gan­zen Film über mit Tri­vi­al­wis­sen, das wie schon in Teil 1 mit zum größ­ten Unter­hal­tungs­fak­tor bei­trägt. Wer wollte nicht immer schon mal wis­sen, dass Schild­krö­ten durch den Anus atmen?

Hin­ge­gen ist bei Annas Freund aus dem ers­ten Teil, Kristoff, nicht viel Ent­wick­lung zu bemer­ken, des­we­gen ist er aber nicht schlech­ter geschrie­ben. Die Figur ist und bleibt ein leuch­ten­des Bei­spiel für einen respekt­vol­len, für­sorg­li­chen aber nie bevor­mun­den­den männ­li­chen Cha­rak­ter, der den weib­li­chen nie­mals die Show stiehlt. Sound­track-tech­nisch ist seine Ein­zel­num­mer über­ra­schen­der­weise als die beste zu benen­nen, da sich Dis­ney mit die­ser dank einer groß­ar­ti­gen Por­tion Slap­stick selbst ordent­lich auf die Schippe nimmt.

Seine Reise und die der Schwes­tern führt sie zu Film­be­ginn in den Nor­den, um eine Bedro­hung für das König­reich aus­zu­mer­zen, die alle Ele­mente dort völ­lig ver­rückt­spie­len lässt. Und wenn auch Anna durch­aus im wei­te­ren Ver­lauf einige starke Ein­zel­sze­nen bekommt: Es ist nach wie vor Elsas Film.

Elsa, der ein­zige bekannte Mensch in die­ser Welt mit magi­schen Kräf­ten, wird auch von einer geheim­nis­vol­len Stimme in den Nor­den geru­fen. Nicht nur erfah­ren die Schwes­tern auf dem Weg die Wahr­heit über den Tod ihrer Eltern und dass ihre Mut­ter einst aus dem­sel­ben ver­zau­ber­ten Wald kam, von dem die Gefahr aus­geht. Für Elsa ist die­ser Aus­flug zu den Natur­geis­tern ein­mal mehr eine Suche nach sich selbst. Sie erfährt, dass ihr Leben und ihre Kräfte ein Geschenk die­ser Geis­ter an ihre Mut­ter für eine selbst­lose Tat einst waren. Die Begeg­nung mit den Natur­geis­tern – äußerst ver­spielt, zucker­süß und immer noch sehr geheim­nis­voll dar­ge­stellt in Form z. B. eines Was­ser­pferds und eines Sala­man­ders – ermu­tigt sie, ihre Kräfte immer wei­ter zu erfor­schen und macht ihr klar, dass ihre eigent­li­che Bestim­mung nicht das Regie­ren eines Reichs ist.

Es ist wei­ter­hin die Sorge, das Mit­ge­fühl, die Ent­wick­lung ihrer Schwes­ter, die auch Anna formt, und das ist eigent­lich ein wenig schade, denn noch ein wenig mehr ihren eige­nen Cha­rak­ter aus­zu­bauen, hätte das Dreh­buch durch­aus her­ge­ge­ben. Zeit hat man, einen wirk­li­chen Böse­wicht zu bekämp­fen gibt es ohne­hin nicht, was die Geschichte aber nicht unin­ter­es­san­ter und kei­nes­falls lang­wei­lig macht. Dafür herrscht schon zu viel Dra­ma­tik vor. Ein­mal mehr ist die Bedro­hung für Aren­delle sehr groß, und dies­mal schreckt man auch nicht davor zurück, das Thema Tod äußerst ernst dar­zu­stel­len, auch wenn sich Dis­ney-typisch natür­lich das meiste davon am Ende auf­löst. Aber Olaf-Fans müs­sen da zur Mitte des Films hin ein­mal wirk­lich stark sein und die Taschen­tü­cher bereit­hal­ten, vor allem für ihren Nach­wuchs. Das ist für einen Kin­der­film schon ganz star­ker Tobak. Und dies ist auch mit Abstand Annas beste Szene, in der sie den letz­ten Rest ihrer Jugend end­gül­tig hin­ter sich lässt. Auch die Auf­lö­sung der klei­nen Krise am Fil­mende ver­langt dann noch mal Taschen­tuch­ein­satz.

Gene­rell gibt das Werk aber auch ebenso viel Humor her – sel­ten hat die Redak­teu­rin bei Pres­se­vor­füh­run­gen das Publi­kum ringsum so aus­ge­las­sen lachen hören.

Die Eis­kö­ni­gin 2 erzählt in einer flüs­si­gen, nur am Beginn ein wenig zähen aber schnell an Fahrt auf­neh­men­den Geschichte von zwei Schwes­tern, die ihre wahre Bestim­mung fin­den und ist damit so wie auch Vaiana einst immer noch äußerst erfri­schend im Ver­gleich zu vie­len Lie­bes­ge­schich­ten von Dis­ney in der Ver­gan­gen­heit. Annas Romanze mit Kristoff ist nur ein Neben­schau­platz, nicht ein­mal die unwei­ger­lich fol­gende Hoch­zeit am Ende bekommt der Zuschauer zu sehen, und auch in Elsas Leben ist eben nicht eine Lieb­schaft irgend­ei­ner Art inter­es­sant, denn sie ist immer noch viel zu sehr mit sich selbst beschäf­tigt. Der Film will viel lie­ber davon erzäh­len, wie man sich selbst fin­den kann, über sich hin­aus­wächst und davon, dass man manch­mal etwas tat­säch­lich erst los­las­sen muss, um ihm – oder ihr – noch näher zu kom­men.

Elsa und Anna eman­zi­pie­ren sich, sie dür­fen Hosen tra­gen, ein Schwert schwin­gen, kämp­fen und beschüt­zen und vor allem ein­se­hen, dass sie zwar immer zusam­men­ge­hö­ren wer­den, dass sie aber auch ihr eige­nes Leben nicht ver­nach­läs­si­gen dür­fen. Die Eis­kö­ni­gin ist und bleibt eine Fami­li­en­ge­schichte.

Und als sol­che, als Vor­weih­nachts­film vor allem, funk­tio­niert das Werk ohne Zwei­fel ganz wun­der­bar, auch wenn es in Aspek­ten Sound nicht ganz an den ers­ten Teil und in Sachen Optik nicht an andere Vor­gän­ger her­an­reicht.